Mein Amt für Wirtschaft hat den Zürcherinnen und Zürchern die Gretchenfrage gestellt. Das Ergebnis der Umfrage ist bemerkenswert – und zeugt von Ambivalenz. Auf der Habenseite:

  • Drei Viertel der Befragten beurteilen die Zürcher Wirtschaft positiv.
  • 93 Prozent erachten sie als zentralen Pfeiler unserer Gesellschaft.
  • 83 Prozent sagen, die Wirtschaft leiste einen entscheidenden Beitrag zur hohen Lebensqualität im Kanton.
  • Und drei Viertel sind mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation zufrieden.

So weit, so gut. Die Umfrage bringt aber gleichsam ein Unbehagen zum Ausdruck. Die Kehrseiten des Erfolgs werden zunehmend spürbar. Im Privaten, im Politischen – und im Portemonnaie. Zentrale Anliegen der Wirtschaft sind in der Bevölkerung nicht mehr mehrheitsfähig.

  • Nur gut ein Drittel der Leute erachtet die Steuerbelastung für Unternehmen als zu hoch. Entsprechend wurde abgestimmt.
  • Die Hälfte der Befragten fühlt sich durch die zunehmende Internationalisierung fremd im eigenen Land.
  • Zwei Drittel der Leute denken, dass die Lebenshaltungskosten steigen, weil die Wirtschaft gut läuft.
  • Und drei Viertel sind der Meinung, dass die boomende Wirtschaft verantwortlich ist für den angespannten Wohnungsmarkt.

Wenn eine Mehrheit der Menschen im Kanton Zürich denkt, dass der abstrakte Erfolg der Wirtschaft ein Hauptgrund für ihre ganz realen Sorgen ist, kann darüber nicht einfach hinweggeblickt werden.

Was gilt es zu tun? Das Vertrauen und das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge müssen gestärkt werden. Durch Zuhören, Hinstehen, Diskutieren und Erklären. Vertrauen ist das Ergebnis von Glaubwürdigkeit. Und die entsteht nicht durch Botschaften, sondern durch aufrichtiges und transparentes Handeln.

Vertrauen entsteht auch durch Ehrlichkeit. Ich bin überzeugt, dass die Menschen es schätzen, wenn Zielkonflikte und Grenzen – und auch Fehler – offen angesprochen werden. Vertrauen entsteht, wenn Politik und Wirtschaft nachvollziehbar zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen und gesellschaftliche Anliegen nicht nur rhetorisch, sondern operativ angehen.

Das ist keine Herausforderung für einzelne Akteure, sondern eine Verbundsaufgabe. Staat, Wirtschaftsverbände und Meinungsmachende müssen zusammenspannen. Und gemeinsam hinstehen und handeln. Eine vielschichtige Diagnose erfordert eine vielfältige Therapie.


Carmen Walker Späh
Regierungsrätin FDP Kanton Zürich