Carmen Walker Späh prägt seit Jahren die Wirtschafts- und Standortpolitik des Kantons Zürich. Seit dem 1. Mai ist sie Regierungsratspräsidentin – und übernimmt eine besondere Verantwortung für den Kanton. Im Interview spricht sie über ihre wichtigsten Weichenstellungen, die Herausforderungen für den Standort Zürich und ihre Ziele für das Präsidialjahr.

Sie sind seit Anfang Mai Regierungsratspräsidentin. Was bedeutet Ihnen dieses Amt persönlich – und welche Akzente möchten Sie in Ihrem Präsidialjahr setzen?

Präsidentin des Zürcher Regierungsrats zu sein, ist eine ehrenvolle Aufgabe. Ein Amt, das mit Verantwortung, Leadership und auch klein wenig Prestige einhergeht. Für mich persönlich ist es der krönende Abschluss meiner Ägide als Regierungsrätin. Ich habe zwei Leitmotive gesetzt. Zum einen will ich den Innovationsstandort Kanton Zürich weiter stärken. Im Innovationspark entsteht Grosses, Generationsübergreifendes. Gerade in der Space-Industrie. Zum anderen will ich wachrütteln und die dramatischen Folgen der Demografie-Falle aufzeigen, die unseren Wohlstand gefährden.

Sie stehen seit mehreren Jahren an der Spitze der Volkswirtschaftsdirektion. Welche Projekte und Reformen waren aus Ihrer Sicht besonders prägend für Ihre Amtszeit?

In der Mobilität stechen die Oberlandautobahn, die Umsetzung der Mobilitätsinitiative, die Glatttalbahn, das Tram Affoltern, der Brüttener Tunnel und auch die Pistenverlängerung am Flughafen heraus. Auch das Projekt zum automatisierten Fahren im Furttal gefällt mir. Aus ökonomischer Sicht ist es die Diversifizierung der Zürcher Volkswirtschaft. Dank zahlreichen Ansiedlungen ist Zürich heute weniger vom Finanzplatz abhängig. Wir sind schweizweit führend in der Food- und Health-Tech. In der ICT. In den Life-Sciences. Und eben: in der Space- Industrie. Auf dem Arbeitsmarkt war sicher die Bewältigung der Covid-Pandemie prägend. Auf dem Höhepunkt der Krise waren im Kanton Zürich über 30 000 Unternehmen mit rund 380 000 Arbeitnehmenden für Kurzarbeit angemeldet – also jeder dritte Arbeitnehmende.

Der Kanton Zürich steht als Wirtschaftsstandort im nationalen und internationalen Wettbewerb. Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen – und wo die wichtigsten Chancen? Der Kanton Zürich steht in direkter Konkurrenz zu mehreren Wirtschaftsstandorten: München, Stockholm, Amsterdam, Dublin und London. Im Vergleich schneiden wir vor allem bei der Bildung, Wirtschaftsleistung und Lebensqualität überdurchschnittlich stark ab. Optimierungspotenzial gibt es hingegen in den Bereichen Forschung, Innovation, Steuern und Regulation.

Themen wie Fachkräftemangel, steigende Regulierung oder die Entwicklung der Standortattraktivität beschäftigen viele Unternehmen. Welche Prioritäten sehen Sie hier in den kommenden Jahren?

Der Fachkräftemangel wird sich durch die demografische Entwicklung enorm akzentuieren. Schon in vier Jahren werden im Kanton Zürich 16 % mehr 65-Jährige als 20-Jährige leben. In der ganzen Schweiz steigt das Ungleichgewicht sogar auf über 30 % an. Das ist alarmierend. Jetzt könnte man meinen: Wir sind ein attraktiver Standort – wir ziehen genug Fachkräfte an. Nur: In den Rekrutierungspools in Europa ist das Ungleichgewicht noch drastischer. Darum müssen wir jetzt Massnahmen einleiten. Ein zentraler Ansatz ist die Produktivitätssteigerung durch technischen Fortschritt. Ich bin überzeugt: KI und Robotik haben das Potenzial, den Arbeitskräftemangel zu lindern. Wir werden aber auch länger arbeiten müssen und in höheren Pensen. Betreffend Regulierungen: Ich bin erzliberal. Ich will möglichst wenig Staatseingriffe. Aber es kommen stets neue Aufgaben. Stichwort KI. Deshalb setze ich auf smarte Regulierung.

Sie haben angekündigt, 2027 nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten. Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Was möchten Sie bis dahin noch erreichen – und was soll von Ihrer Arbeit in Erinnerung bleiben?

Kurzfristig gibt es drei wohnpolitische Volksabstimmungen, die der Regierungsrat und der Kantonsrat gewinnen wollen. Darüber hinaus ist die Verkehrspolitik eine grosse Priorität. Der Bundesrat legt in Kürze den Entwurf für Verkehr ’45 vor. Da liegt einiges im Argen. Was umso kritischer ist, weil es um sehr viel Geld geht. Und wenn Sie nach dem Vermächtnis fragen – darüber mache ich mir keine Gedanken. Aber wer weiss, vielleicht gibt es im Innovationspark ja dereinst eine kleine Plakette, auf der mein Name steht.


Carmen Walker Späh
Regierungsratspräsidentin